Ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Natur scheint der Hang zur Selbsttäuschung zu sein. Immer wieder versuchen wir, durch die Konstruktion unserer inneren Verfassung schmeichelnder Abstrakta die Realität auszutricksen. Wir verstecken uns kleinmütig hinter Wohlfühl-Begriffen wie Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit und Individualität, um der Wirklichkeit nicht ins Auge blicken zu müssen. Dabei konterkarieren wir unentwegt alles, wofür wir zu stehen glauben.

Selbstverwirklichung? Wer kann ernsthaft von sich behaupten, er habe dieses Theorem dauerhaft in die Praxis umsetzen können. Was bedeutet dieser Begriff eigentlich? Von der Anlage her kann er sicherlich sehr weit gefasst werden. Das „Ich“, so heißt es allenthalben, lässt sich von keiner menschengemachten Grenze aufhalten. Daher ist es schon erstaunlich, wie unkreativ sich das Streben danach ausnimmt. Job, Familie, Besitz, soziale Integration stehen oftmals sehr weit oben auf der Prioritätenliste. Warum auch nicht? In dieser Diktion führen viele Menschen ein vorgeblich erfülltes Leben. Demzufolge kann es nicht so verkehrt sein, ihnen nachzueifern.

Entwickelt man diesen Gedanken weiter, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass jene Vorstellungen, die wir verwirklichen, lediglich ein als „Selbst“ getarntes Abbild gesellschaftlich verfügbarer sowie gewollter Möglichkeiten sind. Es handelt sich schlichtweg um ein vorgezeichnetes Bild. Sprich: um die Erwartung an uns, einen fairen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Freilich wollen wir nicht zugeben, dass wir uns derart direkt von außen beeinflussen lassen. Viel lieber ergötzen wir uns an einem Phantasiegebilde, das von Fernsehen und Journaille nachhaltig vermarktet wird.

Letzten Endes ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis dieser Zauber verfliegt und wir aus dem Dunkel des Selbstbetruges in das Licht der Realität katapultiert werden. Irgendwann lassen sich die vielfältigen Unstimmigkeiten nicht mehr leugnen und werden uns mit dem Zaunpfahl vor den Latz geknallt. Das Resultat: Unzufriedenheit. Aber auch, wenn man alle Widersprüche negierend den einst eingeschlagenen Weg konsequent und unbeirrbar weiter geht, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man sich ernüchtert fragt, ob dies denn schon alles gewesen sei. Das Resultat: Unzufriedenheit oder an die Grenzen der Vernunft reichende Absurditäten. Da kauft sich zum Erstaunen der ganzen Familie der bisher eher biedere Familienvater plötzlich mit Nieten besetzte Ledersachen und ein Motorrad. Er wäscht sowie rasiert sich nicht mehr und murmelt ständig irgendetwas von Route 66. Da entdeckt der leidenschaftliche Briefmarkensammler und Klassikliebhaber plötzlich seine Zuneigung zu Lack, Leder und Peitsche.

Die Beispiele verdeutlichen folgende bittere Wahrheit: Auch dann, wenn wir nach außen den Schein aufrechterhalten können, dass alles was wir tun, unserem „Selbst“ entspricht, unser Innerstes können wir nicht täuschen. Je länger wir dies versuchen, je länger wir beispielsweise gesellschaftliche Erwartungen und die ureigene Lebens-Konzeption widerstrebend als identisch verkaufen, umso heftiger bricht sich letztendlich die Frustration Bahn – oder lässt uns irgendwann Happy-Pills schlucken. Es kann auf Dauer nicht fruchtbar sein, das „Selbst“ dem unterzuordnen, was zwar gemeinhin als gut und richtig betrachtet wird, aber dem zuwiderläuft, was wir von uns und unserem Leben erwarten. Warum jedoch, lautet die Preisfrage, kommt es überhaupt soweit?

Fortsetzung folgt…

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