Das Ordnungsprinzip unserer Gesellschaft impliziert, dass möglichst viele ihrer Mitglieder Leistungen in den unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbereichen erbringen. Dies, um den individuellen und gemeinschaftlichen Wohlstand zu mehren. Ferner ist für das Überleben einer Gesellschaft Nachwuchs erforderlich. Allein diese zwei Gegebenheiten, welche uns früh und einprägsam vermittelt werden, grenzen unseren Aktions- und Entwicklungsspielraum ein.

So zeichnet sich bereits in den Sturm-und-Drang-Jahren der Läuterungs-Aspiranten ein Erwartungshorizont ab, der qua familiärer und schulischer Erziehung nachhaltig gefestigt wird. Für individuelle Spinnereien bleibt nur selten Platz. Aus Sicht der Gesellschaft ist es selbstverständlich sinnvoll und folgerichtig, derartige „Handlungsempfehlungen“ zu forcieren.

Leider steht dieses aufoktroyierte Selbstbild dem Selbstbild entgegen, das sich in dem Glauben an vielstimmiges Gerede von Selbstverwirklichung manifestiert hat. Daraus erwächst ein innerer Konflikt, der in drei quälenden Fragen gipfelt:

 

  1. Entspricht die Person die ich bin, wirklich meinem „Ich“?

 

  1. Worin unterscheide ich mich eigentlich von den anderen?

 

  1. Wie um alles in der Welt kann ich dieses „Anderssein“, dieses „Selbst“, zum Ausdruck bringen?

 

Der Zeitpunkt, an dem man sich jener existenziellen Frage gewahr wird, ist verschieden. Viele geschätzte Mitbürger trifft der Erkenntnis-Hammer beispielsweise in der Pubertät. Aber auch zu späteren Zeitpunkten im Leben schwirren sie immer wieder im Hinterkopf herum – ergänzt durch folgende Frage: Entspricht das, was ich erreicht habe, dem, was ich mir erträumt habe? Lautet die Antwort: „Nein!“, wird eine Mauer aus Pragmatismus errichtet, hinter der man Schutz vor den Angriffen der Unsicherheit findet. Irgendwann jedoch stürzt diese Mauer ein und jeder weitere Widerstand ist zwecklos. So beginnt der „Selbst“-Versehrte sich auf vielgestaltige Gedankendinge zu versteifen, von denen er überzeugt ist, sie hülfen bei der Zurschaustellung des „Selbst“. Scheitert die Realisierung, greift Desillusionierung Raum.

Eventuell findet ein dergestalt Schicksalsgehörnter in dem Geistesgut Trost, dass unser gängiges Konzept des „Selbst“ und seiner Verwirklichung makelbehaftet ist. Streng genommen kann man das „Selbst“ nur aussagekräftig definieren, bevor wir beginnen, unsere Umwelt bewusst sowie unbewusst wahrzunehmen. Sobald wir uns dessen gewahr werden, was um uns herum geschieht, ist unser Selbst nicht mehr unser ureigenstes Selbst. Denn jene Sach-, Sinnes- und Empfindungseindrücke, welche zumeist ungefiltert auf uns einströmen, analysieren und bewerten wir – bewusst und unbewusst. Letzen Endes fügen wir sie zu einem Selbstbild zusammen. Freilich erweitert sich im Laufe des Lebens dieser Pool, so dass immer neue Elemente eine Platzierung im Steckbaukasten „Selbst!“ begehren. Je mehr wir jedoch kennenlernen, desto schwieriger wird es, an dem einmal eingeschlagenen Weg unbeirrt festzuhalten. Um nicht irgendwann der Melancholie anheimzufallen, muss man den Gedanken Wirkung entfalten lassen, dass unser „Selbst“ nicht statisch, sondern höchst dynamisch ist. Es verändert sich in Interaktion mit der Umwelt und den Mitmenschen. Dies bedeutet in letzter Konsequenz: auch wenn wir hundertprozentig davon überzeugt sind, gegenwärtig den richtigen Weg zu gehen, handelt es sich dabei nur um eine Momentaufnahme.

Grundsätzlich gesagt, ist die Crux an der Sache, dass ein in die Gesellschaft integriertes Leben und die voraussehbare Entwicklung unseres geistigen und physischen Zustandes verlangt, sich in relativ jungen Jahren für eine scheinbar Zufriedenheit-verheißende Richtung zu entscheiden und diese konsequent zu verfolgen. Unser „Selbst“ jedoch bleibt nicht an diesem Punkt stehen – es reist weiter. Irgendwann stattet es uns einen Besuch aus der Zukunft ab, Vergangenheit und Gegenwart gegeneinander aufhetzend.

Fortsetzung folgt…

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