Unabhängigkeit? Dieses aus Verstand umnebelnder Irreführung geborene Gedankenbild beschreibt nicht mehr und nicht weniger als eine weitere Wunschvorstellung. Nichtsdestotrotz, oder vielleicht auch gerade deswegen, erliegen in zuverlässiger Regelmäßigkeit Freiheits-Dürstende aller Couleur ihrem Lockruf. Wäre es nicht prächtig, tun und lassen zu können, was man will? Wäre es nicht tröstlich und erquickend, sich nicht permanent mit lästigfallenden Zweifeln, Besorgnissen sowie Alltagsproblemen herumschlagen zu müssen? Wäre es nicht befreiend, frei zu sein? „Ja!“, möchte man Zweifel-los, mit lauter Stimme und voller Inbrunst ausrufen. „Gemach, gemach!“, antwortet der Realist.

Unabhängigkeit ist ein Gefühl und keine valide Zustandsbeschreibung. Wie beinahe jedes andere Gefühl auch, ist es aufgrund des persönlichen Erfahrungshorizontes interindividuell nuanciert. Demzufolge kann es weder aussagekräftig vermessen noch an allgemeingültigen Kriterien festgemacht werden kann. Selbstredend hält dieser Logikscheibenwischer nicht davon ab, sich immer wieder den Verlockungen des Freiheitsversprechens hinzugeben.

So betrachten die Erlösungsanwärter nur allzu oft die Realität durch einen Schleier vor den Augen, was man mitunter skrupellos ausnutzt. Insbesondere die Konsumgüterindustrie hat sich hierauf spezialisiert – in diabolischer Eintracht mit der Werbebranche. Dieses Duo infernale versucht den zweibeinigen Geldautomaten zu suggerieren, nur der Erwerb eines bestimmten Produktes führe zu wahrhaftiger Freiheit. Freilich genügt ein Moment des Innehaltens, um diesen Hinterhalt zu enttarnen. Aber wer möchte dies schon, wo doch auf der anderen Seite des Flusses die Ungebundenheit winkt.

Grundsätzlich und vereinfacht betrachtet, hat menschliche Abhängigkeit eine materielle und eine immaterielle Dimension. Lenken wir unser Augenmerk zunächst auf den materiellen Aspekt. Unabhängigkeit ist, wie erwähnt, ein Gefühlszustand und hat demzufolge kein gegenständliches Korrelat. Dennoch assoziieren wir es in erster Linie mit Geld. Die Gleichung ‚Reichtum ist gleich Unabhängigkeit’, scheint uns in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Selbstverständlich ist vordergründig betrachtet unabhängiger, wer über quasi unerschöpfliche finanzielle Mittel verfügt. Er muss sich nicht mit den einengenden pekuniären Sorgen der Mindestlohn-Knechte herumschlagen. Er kann sich leisten was immer er will, wann immer er will. Er bettet sein Haupt glückselig auf fortwährender finanzieller Absicherung. Wagt man jedoch einen Blick hinter die Kulissen, erkennt man, dass diese Menschen keineswegs in Unabhängigkeit baden. Sie sind vielmehr hörige Diener eines Lebensstandards, der ihren gesellschaftlichen Stand prägt und damit letztlich ihr Sein definiert. Aus diesem Grunde werden sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um nicht hinter den Status quo zurückzufallen. Dies wiederum bindet sie auf Gedeih und Verderb an gruppenimmanente Regeln und Rituale. Merke: Fixierung auf materiellen Wohlstand lässt die Unabhängigkeitsglocke nicht volltönender läuten.

Hinterlasse einen Kommentar