Wie heißt es doch so schön: Standhaftigkeit ist die Zierde eines aufrechten Menschen. So wird es allenthalben hochgeschätzt, hält jemand trotz aller Widerstände an seiner Überzeugung fest. Wir verehren Menschen, die sich auch eingedenk furchterregend heulenden Gegenwinds nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Und sollten diese Gattungs-Leuchttürme einmal mit ihrem Anliegen scheitern, können sie sich dennoch unserer Ehrerbietung gewiss sein. Wir lieben wackere Versager.

Dieser in einen Mantel aus Empathie gehüllte Heroen-Fetischismus versperrt jedoch den Blick auf die Realität. Ist es tatsächlich ein Zeichen innerer Stärke, bis zum Umfallen an seinen Grundsätzen festzuhalten? Spiegelt sich darin nicht viel eher die Angst davor wider, einen Teil von sich aufgeben und auf das Meer der Unsicherheit zurückkehren zu müssen? Wer möchte nicht viel lieber endlich den Hader-Feierabend in seiner selbstgezimmerten Scheinwelt genießen, als sich in Auseinandersetzung mit anderen Gedankengebäuden ständig neu positionieren zu müssen? Wer möchte schon aus freien Stücken die wohlige Betthöhle der widerstreitgestählten Charakterfestigkeit verlassen und sich auf das unsichere Terrain der Gesinnungsvielfalt wagen? Wer möchte dorthin wandeln, wo weder Bestärkung noch Selbstbestätigung, sondern Selbstzweifel und Entmutigung lauern?

Die Quintessenz aus Obengesagtem: anpassungsresistente Standhaftigkeit lässt sich als angstgesteuerte Ego-Falle entlarven. Daraus resultiert eine für manch sensible Seele sicherlich desillusionierende Wahrheit. Es existiert schlicht und ergreifend keine Weltanschauung oder Theorie, die alle Antworten auf die mannigfachen Fragen unseres Lebens bereithält. Diejenigen, die sich unbeugsam einer Denkrichtung verschreiben, werden zwangsläufig irgendwann Schiffbruch erleiden. Eines Tages taucht ein Problem am Horizont auf, das sich mit den gängigen Strategien des favorisierten Konzepts nicht lösen lässt. Die entscheidende Frage lautet dann: „Wie reagieren?“ Da der Homo sapiens sapiens im Allgemeinen Kontinuität mehr schätzt, als tiefgreifenden Wandel, werden viele Überzeugungs-Täter an ihren Ansichten festhalten – dem Schicksal kühn ins Antlitz lachend. Auf diese Weise überlassen sie einer weiteren menschlichen Eigenheit die Bühne, der Leidensfähigkeit. So wird die selbstgewählte Pein stoisch ertragen, und pflichteifrig an der eigenen Heldenstatue gemeißelt. Sinneswandel scheint oftmals erst dann eine Option zu sein, wenn der Nachwuchs bereits im Brunnen liegt.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Auf lange Sicht ist es erquicklicher, die Dämonen der Veränderungsbeklemmung nicht durch Halsstarrigkeit zu verdrängen, sondern mittels wahren Heldenmutes auszutreiben.

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