Lob der Beliebigkeit

Wie heißt es doch so schön: Standhaftigkeit ist die Zierde eines aufrechten Menschen. So wird es allenthalben hochgeschätzt, hält jemand trotz aller Widerstände an seiner Überzeugung fest. Wir verehren Menschen, die sich auch eingedenk furchterregend heulenden Gegenwinds nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Und sollten diese Gattungs-Leuchttürme einmal mit ihrem Anliegen scheitern, können sie sich dennoch unserer Ehrerbietung gewiss sein. Wir lieben wackere Versager.

Dieser in einen Mantel aus Empathie gehüllte Heroen-Fetischismus versperrt jedoch den Blick auf die Realität. Ist es tatsächlich ein Zeichen innerer Stärke, bis zum Umfallen an seinen Grundsätzen festzuhalten? Spiegelt sich darin nicht viel eher die Angst davor wider, einen Teil von sich aufgeben und auf das Meer der Unsicherheit zurückkehren zu müssen? Wer möchte nicht viel lieber endlich den Hader-Feierabend in seiner selbstgezimmerten Scheinwelt genießen, als sich in Auseinandersetzung mit anderen Gedankengebäuden ständig neu positionieren zu müssen? Wer möchte schon aus freien Stücken die wohlige Betthöhle der widerstreitgestählten Charakterfestigkeit verlassen und sich auf das unsichere Terrain der Gesinnungsvielfalt wagen? Wer möchte dorthin wandeln, wo weder Bestärkung noch Selbstbestätigung, sondern Selbstzweifel und Entmutigung lauern?

Die Quintessenz aus Obengesagtem: anpassungsresistente Standhaftigkeit lässt sich als angstgesteuerte Ego-Falle entlarven. Daraus resultiert eine für manch sensible Seele sicherlich desillusionierende Wahrheit. Es existiert schlicht und ergreifend keine Weltanschauung oder Theorie, die alle Antworten auf die mannigfachen Fragen unseres Lebens bereithält. Diejenigen, die sich unbeugsam einer Denkrichtung verschreiben, werden zwangsläufig irgendwann Schiffbruch erleiden. Eines Tages taucht ein Problem am Horizont auf, das sich mit den gängigen Strategien des favorisierten Konzepts nicht lösen lässt. Die entscheidende Frage lautet dann: „Wie reagieren?“ Da der Homo sapiens sapiens im Allgemeinen Kontinuität mehr schätzt, als tiefgreifenden Wandel, werden viele Überzeugungs-Täter an ihren Ansichten festhalten – dem Schicksal kühn ins Antlitz lachend. Auf diese Weise überlassen sie einer weiteren menschlichen Eigenheit die Bühne, der Leidensfähigkeit. So wird die selbstgewählte Pein stoisch ertragen, und pflichteifrig an der eigenen Heldenstatue gemeißelt. Sinneswandel scheint oftmals erst dann eine Option zu sein, wenn der Nachwuchs bereits im Brunnen liegt.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Auf lange Sicht ist es erquicklicher, die Dämonen der Veränderungsbeklemmung nicht durch Halsstarrigkeit zu verdrängen, sondern mittels wahren Heldenmutes auszutreiben.

Schmiede-Kunst

Als Einleitung zu diesem Beitrag soll eine Redeblume dienen, die vermutlich den meisten Zeitgenossen geläufig ist: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!“ Soweit die Erinnerung nicht täuscht, will uns der verantwortlich zeichnende Dichter und Denker damit sagen, dass jeder von uns selbst in der Hand hat, was er aus seinem Leben macht. Oder plakativer formuliert: „Du musst dich nur anstrengen, dann kannst du alles erreichen.“ Unbestritten, auf den ersten Blick scheint es sich hierbei um eine Tatsache zu handeln. Dies insbesondere in den freiheitlich geprägten, das Individuum verehrenden, Gesellschaften der westlichen Welt. Sind aber erst einmal die unzähligen Schichten Pathos abgekratzt, erkennt man nur allzu leicht, dass diese Deutungsweise geradewegs in die Unaufrichtigkeits-Falle führt.

Zum einen stellt dieser Gedanke eine schallende Ohrfeige für all diejenigen dar, die sich tagein, tagaus redlich mühen und trotzdem nicht recht vom Fleck kommen. Zum anderen verkennt er Ursache und Wirkung. Bleiben wir, um dies zu erläutern, zunächst beim Bild des Schmieds. Dieser, einerlei ob Meister oder Lehrling, ist um arbeiten zu können, auf die Ausstattung mit Rohstoffen, Werkzeugen und Brennofen angewiesen. Bleibt es ihm verwehrt, dieser weder eigen- noch fremdgestützt habhaft zu werden, nützen ihm all seine Fähigkeiten nichts: er ist zur Untätigkeit verdammt.

Ebenso verhält es sich mit unserem Streben nach den Früchten und den Versprechungen des Erfolges. Schlussendlich ist alles Talent, aller Leistungswille, aller Einsatz, alle Opferbereitschaft vergebens, nehmen die äußeren Umstände eine Kontra-Position ein. Wer ist schon in der Lage, den ihm „vorgezeichneten“ Weg zu gehen, wenn ringsherum die Welt in Trümmern liegt – ganz gleich, ob die physische oder psychische Welt. Dies berücksichtigend kann man sogar so weit gehen zu sagen, das Glück, oder besser der Umstand, die notwendigen Voraussetzungen vorgefunden zu haben, ist die Vorbedingung um überhaupt schmieden zu können. Denn nur, wenn diese vorhanden sind, wird es möglich, seine Talente auszuprobieren, seine Fähigkeiten weiter zu entwickeln, Eifer und Leistungswillen erfolgversprechend einzusetzen.

Zu guter Letzt bleibt nur eines festzuhalten. Diese Redewendung ist eine ungebührliche Verhöhnung all derjenigen, die aufgrund hinderlicher Lebensbedingungen nicht in der Lage sind, ihr Potential voll zu entfalten.

Erro ergo sum, letzter Teil

Mittels eines letzten Tiefsinn-Tauchgangs, soll dieses Thema eine Abrundung erfahren. Zu diesem Zwecke sei die geheimnisumwobene Geistesfreiheit aufs güldene Tableau gehoben. Geistesfreiheit stellt nicht nur das Manna dar, nach dem sich alle Selbstbestimmungs-Feinschmecker verzehren. Unsere Existenz erlangt offenkundig insbesondere durch sie Bedeutung sowie Geltung. Darüber hinaus manifestiert scheinbar vornehmlich sie unsere Einzigartigkeit unter allen zwei- und mehrbeinigen Planetenbewohnern. Kurzum, sie wird allenthalben hochgeschätzt. Eine dergestalt exponierte Stellung im Menschseins-Kosmos vernebelt den Blick dafür, dass sich in diesem Kontext wieder einmal unsere Eitelkeit in Realitätsleugnung ergeht. So stolziert der Mensch, gehüllt in einen aus Mystizismus gewobenen Mantel, durch seine Erdenzeit.

Schlussendlich ist dieser vorgeblich freie Geist schließlich keineswegs Herr im eigenen Haus. Im Gegenteil, er mimt vielmehr so etwas wie einen anspruchsvollen Hausgast, dem das Beste gerade genug ist. Wie ist dies zu verstehen? Der menschliche Geist repräsentiert eine Entität, die aus genetischer Disposition und der Interaktion mit der individuellen Umwelt beständig neu komponiert wird. Genauer gesagt, die „Autonomie des Geistes“ ist untrennbar gekettet an:

– anatomische Strukutren,

– neurochemische Prozesse und

– Wechselwirkungen mit dem sozialen Umfeld.

Dies bedeutet in letzter Konsequenz, dass jedes unserer Gedanken-Gewächse, jeder Ideen-Keimling, mithin alles, was wir dem freiheitsgetragenen Wirken unseres Geistes zuschreiben, lediglich das reflektiert, was sich in einem kunstfertigen Zusammenspiel von physischen und „metaphysischen“ Faktoren seinen Weg in unser Bewusstsein bahnt. Der Mensch wird dabei zum Bittsteller degradiert. Er nimmt quasi die Rolle eines Almosenempfängers seiner selbst ein. Mit der Erschaffung des „Geistes-Erzeugnisses“ hat er, zumindest willentlich, herzlich wenig zu tun. Er muss auf die gnädige sowie tätige Mitthilfe der in seinem Schädel wabernden, und dem menschlichen Geist „Obdach sowie Nahrung“ spendenden Masse hoffen.

Man kann es drehen und wenden wie man will, niemand ist völlig frei und unabhängig – weder im Denken, noch im Handeln.

Erro ergo sum, Teil 4

In diesem Zusammenhang ist auch ein weiterer Gesichtspunkt von Bedeutung. Es lässt sich nur bedingt leugnen, dass der materielle Aspekt von Abhängigkeit Kernelement eines sich selbst regulierenden Systems ist. Um den eigenen Wünschen nahekommend leben zu können, ist finanzieller Spielraum unabdingbar. Diesen Umstand nehmen zahlreiche Zeitgenossen zum Anlass, freiwillig in ein Abhängigkeitsverhältnis einzutreten – Arbeit. Lehrt uns doch das Einmal-Eins der Daseins-Banalitäten Folgendes: ohne Arbeit beschränkt sich die individuelle pekuniäre Grundausstattung in der Regel auf die staatliche Alimentierung. Persönlichem Lebensstandard und gesellschaftlicher Anerkennung bleibt in diesem Fall nichts anderes übrig, als wehmütig am Auspuff des vorbeifahrenden Lebens zu schnuppern.

Neben erheblichem Frustpotenzial gebiert diese Wahrheit aber auch eine thematische Veredelung. Sie zeigt auf, wie eng beide Spielformen menschlichen Gefangenseins im „Kerker Abhängigkeit“ miteinander verwoben sind. Menschen lechzen nach Geld und wert-äquivalenten Besitztümern, um ihre immateriellen Bedürfnisse, wie Ansehen und Geltung, zu befriedigen. Und ebenso lässt sich der Spieß umdrehen. Nicht selten stellt gesellschaftliches Prestige die Eintrittskarte in den Club der Gutsituierten dar. Elitäre Herkunft, Titel, ein gut vernetzter Freundes-, Bekannten- oder Kollegenkreis sowie höhere Weihen versprechen noch immer einen Platz an den Honigtöpfen – selbst bei originär finanzieller Unterbelichtung. So scheint es nicht verwunderlich, dass die Erdenbürger in den Wertschätzungs-Minen bis zur Erschöpfung nach Gold schürfen.

Anerkennung streichelt schlussendlich aber nicht nur sanft des Menschen Ego, oder führt ihn zu monetärer Krönung. Sie ist vielmehr die belangreichste Energiequelle unseres Lebensmotors. Versiegt sie, beginnt die Maschine zu stottern oder gibt den Geist auf. Weniger metaphorisch formuliert: wird sie uns durch Gesellschaft und soziales Umfeld vorenthalten, entwickelt sich mit der Zeit Unmut, der über Verbitterung mitunter in Hass gegen alles und jeden umschlägt. Gleichsam parasitär, ernähren sich Horden arglistiger, politisch-extremistischer und /oder religiös-fanatischer Rattenfänger von diesem Hass. Sie säen Hochachtung sowie Respekt und ernten dafür ihren maliziösen Absichten dienende Loyalität – Loyalität bis an die Grenzen der Selbstaufgabe. Wer in einer Wüste zu verdursten droht, vergilt es jenem tausendfach, der ihm den Weg zur nächsten Oase weist.

Dies gilt für alle. Selbst sogenannte „Freigeister“, die sich und der Welt vorgaukeln, sie bedürften keines Menschenlobs, sind mitnichten befreit vom Streben danach. Ihnen gereicht zur Quelle für Selbstbestätigung, dass andere sie ob ihrer vorgeblichen Unabhängigkeit von allen menschlich-banalen Motiven bewundern. Natürlich würden sie dies niemals zugeben können, weil im selben Moment ihr komplexes Selbsttäuschungs-Konstrukt schneller kollabierte, als ein Kartenhaus im Sturm.

Fortsetzung folgt…

Erro ergo sum, Teil 3

Unabhängigkeit? Dieses aus Verstand umnebelnder Irreführung geborene Gedankenbild beschreibt nicht mehr und nicht weniger als eine weitere Wunschvorstellung. Nichtsdestotrotz, oder vielleicht auch gerade deswegen, erliegen in zuverlässiger Regelmäßigkeit Freiheits-Dürstende aller Couleur ihrem Lockruf. Wäre es nicht prächtig, tun und lassen zu können, was man will? Wäre es nicht tröstlich und erquickend, sich nicht permanent mit lästigfallenden Zweifeln, Besorgnissen sowie Alltagsproblemen herumschlagen zu müssen? Wäre es nicht befreiend, frei zu sein? „Ja!“, möchte man Zweifel-los, mit lauter Stimme und voller Inbrunst ausrufen. „Gemach, gemach!“, antwortet der Realist.

Unabhängigkeit ist ein Gefühl und keine valide Zustandsbeschreibung. Wie beinahe jedes andere Gefühl auch, ist es aufgrund des persönlichen Erfahrungshorizontes interindividuell nuanciert. Demzufolge kann es weder aussagekräftig vermessen noch an allgemeingültigen Kriterien festgemacht werden kann. Selbstredend hält dieser Logikscheibenwischer nicht davon ab, sich immer wieder den Verlockungen des Freiheitsversprechens hinzugeben.

So betrachten die Erlösungsanwärter nur allzu oft die Realität durch einen Schleier vor den Augen, was man mitunter skrupellos ausnutzt. Insbesondere die Konsumgüterindustrie hat sich hierauf spezialisiert – in diabolischer Eintracht mit der Werbebranche. Dieses Duo infernale versucht den zweibeinigen Geldautomaten zu suggerieren, nur der Erwerb eines bestimmten Produktes führe zu wahrhaftiger Freiheit. Freilich genügt ein Moment des Innehaltens, um diesen Hinterhalt zu enttarnen. Aber wer möchte dies schon, wo doch auf der anderen Seite des Flusses die Ungebundenheit winkt.

Grundsätzlich und vereinfacht betrachtet, hat menschliche Abhängigkeit eine materielle und eine immaterielle Dimension. Lenken wir unser Augenmerk zunächst auf den materiellen Aspekt. Unabhängigkeit ist, wie erwähnt, ein Gefühlszustand und hat demzufolge kein gegenständliches Korrelat. Dennoch assoziieren wir es in erster Linie mit Geld. Die Gleichung ‚Reichtum ist gleich Unabhängigkeit’, scheint uns in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Selbstverständlich ist vordergründig betrachtet unabhängiger, wer über quasi unerschöpfliche finanzielle Mittel verfügt. Er muss sich nicht mit den einengenden pekuniären Sorgen der Mindestlohn-Knechte herumschlagen. Er kann sich leisten was immer er will, wann immer er will. Er bettet sein Haupt glückselig auf fortwährender finanzieller Absicherung. Wagt man jedoch einen Blick hinter die Kulissen, erkennt man, dass diese Menschen keineswegs in Unabhängigkeit baden. Sie sind vielmehr hörige Diener eines Lebensstandards, der ihren gesellschaftlichen Stand prägt und damit letztlich ihr Sein definiert. Aus diesem Grunde werden sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um nicht hinter den Status quo zurückzufallen. Dies wiederum bindet sie auf Gedeih und Verderb an gruppenimmanente Regeln und Rituale. Merke: Fixierung auf materiellen Wohlstand lässt die Unabhängigkeitsglocke nicht volltönender läuten.

Erro ergo sum, Teil 2

Das Ordnungsprinzip unserer Gesellschaft impliziert, dass möglichst viele ihrer Mitglieder Leistungen in den unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbereichen erbringen. Dies, um den individuellen und gemeinschaftlichen Wohlstand zu mehren. Ferner ist für das Überleben einer Gesellschaft Nachwuchs erforderlich. Allein diese zwei Gegebenheiten, welche uns früh und einprägsam vermittelt werden, grenzen unseren Aktions- und Entwicklungsspielraum ein.

So zeichnet sich bereits in den Sturm-und-Drang-Jahren der Läuterungs-Aspiranten ein Erwartungshorizont ab, der qua familiärer und schulischer Erziehung nachhaltig gefestigt wird. Für individuelle Spinnereien bleibt nur selten Platz. Aus Sicht der Gesellschaft ist es selbstverständlich sinnvoll und folgerichtig, derartige „Handlungsempfehlungen“ zu forcieren.

Leider steht dieses aufoktroyierte Selbstbild dem Selbstbild entgegen, das sich in dem Glauben an vielstimmiges Gerede von Selbstverwirklichung manifestiert hat. Daraus erwächst ein innerer Konflikt, der in drei quälenden Fragen gipfelt:

 

  1. Entspricht die Person die ich bin, wirklich meinem „Ich“?

 

  1. Worin unterscheide ich mich eigentlich von den anderen?

 

  1. Wie um alles in der Welt kann ich dieses „Anderssein“, dieses „Selbst“, zum Ausdruck bringen?

 

Der Zeitpunkt, an dem man sich jener existenziellen Frage gewahr wird, ist verschieden. Viele geschätzte Mitbürger trifft der Erkenntnis-Hammer beispielsweise in der Pubertät. Aber auch zu späteren Zeitpunkten im Leben schwirren sie immer wieder im Hinterkopf herum – ergänzt durch folgende Frage: Entspricht das, was ich erreicht habe, dem, was ich mir erträumt habe? Lautet die Antwort: „Nein!“, wird eine Mauer aus Pragmatismus errichtet, hinter der man Schutz vor den Angriffen der Unsicherheit findet. Irgendwann jedoch stürzt diese Mauer ein und jeder weitere Widerstand ist zwecklos. So beginnt der „Selbst“-Versehrte sich auf vielgestaltige Gedankendinge zu versteifen, von denen er überzeugt ist, sie hülfen bei der Zurschaustellung des „Selbst“. Scheitert die Realisierung, greift Desillusionierung Raum.

Eventuell findet ein dergestalt Schicksalsgehörnter in dem Geistesgut Trost, dass unser gängiges Konzept des „Selbst“ und seiner Verwirklichung makelbehaftet ist. Streng genommen kann man das „Selbst“ nur aussagekräftig definieren, bevor wir beginnen, unsere Umwelt bewusst sowie unbewusst wahrzunehmen. Sobald wir uns dessen gewahr werden, was um uns herum geschieht, ist unser Selbst nicht mehr unser ureigenstes Selbst. Denn jene Sach-, Sinnes- und Empfindungseindrücke, welche zumeist ungefiltert auf uns einströmen, analysieren und bewerten wir – bewusst und unbewusst. Letzen Endes fügen wir sie zu einem Selbstbild zusammen. Freilich erweitert sich im Laufe des Lebens dieser Pool, so dass immer neue Elemente eine Platzierung im Steckbaukasten „Selbst!“ begehren. Je mehr wir jedoch kennenlernen, desto schwieriger wird es, an dem einmal eingeschlagenen Weg unbeirrt festzuhalten. Um nicht irgendwann der Melancholie anheimzufallen, muss man den Gedanken Wirkung entfalten lassen, dass unser „Selbst“ nicht statisch, sondern höchst dynamisch ist. Es verändert sich in Interaktion mit der Umwelt und den Mitmenschen. Dies bedeutet in letzter Konsequenz: auch wenn wir hundertprozentig davon überzeugt sind, gegenwärtig den richtigen Weg zu gehen, handelt es sich dabei nur um eine Momentaufnahme.

Grundsätzlich gesagt, ist die Crux an der Sache, dass ein in die Gesellschaft integriertes Leben und die voraussehbare Entwicklung unseres geistigen und physischen Zustandes verlangt, sich in relativ jungen Jahren für eine scheinbar Zufriedenheit-verheißende Richtung zu entscheiden und diese konsequent zu verfolgen. Unser „Selbst“ jedoch bleibt nicht an diesem Punkt stehen – es reist weiter. Irgendwann stattet es uns einen Besuch aus der Zukunft ab, Vergangenheit und Gegenwart gegeneinander aufhetzend.

Fortsetzung folgt…

Erro ergo sum

Ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Natur scheint der Hang zur Selbsttäuschung zu sein. Immer wieder versuchen wir, durch die Konstruktion unserer inneren Verfassung schmeichelnder Abstrakta die Realität auszutricksen. Wir verstecken uns kleinmütig hinter Wohlfühl-Begriffen wie Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit und Individualität, um der Wirklichkeit nicht ins Auge blicken zu müssen. Dabei konterkarieren wir unentwegt alles, wofür wir zu stehen glauben.

Selbstverwirklichung? Wer kann ernsthaft von sich behaupten, er habe dieses Theorem dauerhaft in die Praxis umsetzen können. Was bedeutet dieser Begriff eigentlich? Von der Anlage her kann er sicherlich sehr weit gefasst werden. Das „Ich“, so heißt es allenthalben, lässt sich von keiner menschengemachten Grenze aufhalten. Daher ist es schon erstaunlich, wie unkreativ sich das Streben danach ausnimmt. Job, Familie, Besitz, soziale Integration stehen oftmals sehr weit oben auf der Prioritätenliste. Warum auch nicht? In dieser Diktion führen viele Menschen ein vorgeblich erfülltes Leben. Demzufolge kann es nicht so verkehrt sein, ihnen nachzueifern.

Entwickelt man diesen Gedanken weiter, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass jene Vorstellungen, die wir verwirklichen, lediglich ein als „Selbst“ getarntes Abbild gesellschaftlich verfügbarer sowie gewollter Möglichkeiten sind. Es handelt sich schlichtweg um ein vorgezeichnetes Bild. Sprich: um die Erwartung an uns, einen fairen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Freilich wollen wir nicht zugeben, dass wir uns derart direkt von außen beeinflussen lassen. Viel lieber ergötzen wir uns an einem Phantasiegebilde, das von Fernsehen und Journaille nachhaltig vermarktet wird.

Letzten Endes ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis dieser Zauber verfliegt und wir aus dem Dunkel des Selbstbetruges in das Licht der Realität katapultiert werden. Irgendwann lassen sich die vielfältigen Unstimmigkeiten nicht mehr leugnen und werden uns mit dem Zaunpfahl vor den Latz geknallt. Das Resultat: Unzufriedenheit. Aber auch, wenn man alle Widersprüche negierend den einst eingeschlagenen Weg konsequent und unbeirrbar weiter geht, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man sich ernüchtert fragt, ob dies denn schon alles gewesen sei. Das Resultat: Unzufriedenheit oder an die Grenzen der Vernunft reichende Absurditäten. Da kauft sich zum Erstaunen der ganzen Familie der bisher eher biedere Familienvater plötzlich mit Nieten besetzte Ledersachen und ein Motorrad. Er wäscht sowie rasiert sich nicht mehr und murmelt ständig irgendetwas von Route 66. Da entdeckt der leidenschaftliche Briefmarkensammler und Klassikliebhaber plötzlich seine Zuneigung zu Lack, Leder und Peitsche.

Die Beispiele verdeutlichen folgende bittere Wahrheit: Auch dann, wenn wir nach außen den Schein aufrechterhalten können, dass alles was wir tun, unserem „Selbst“ entspricht, unser Innerstes können wir nicht täuschen. Je länger wir dies versuchen, je länger wir beispielsweise gesellschaftliche Erwartungen und die ureigene Lebens-Konzeption widerstrebend als identisch verkaufen, umso heftiger bricht sich letztendlich die Frustration Bahn – oder lässt uns irgendwann Happy-Pills schlucken. Es kann auf Dauer nicht fruchtbar sein, das „Selbst“ dem unterzuordnen, was zwar gemeinhin als gut und richtig betrachtet wird, aber dem zuwiderläuft, was wir von uns und unserem Leben erwarten. Warum jedoch, lautet die Preisfrage, kommt es überhaupt soweit?

Fortsetzung folgt…

Sinnsprüche sind sinnlos

Es ist unmöglich, ihnen zu entkommen. Via Kalenderblättern und sämtlichen Medien dieser Welt werden sie uns über die großlumige Infusionsnadel verabreicht. Nicht selten auch von redseligen Zeitgenossen, welche die eigene Weisheit und Lebenserfahrenheit unter Beweis zu stellen gedenken. Leider vergessen die meisten Sprücheklopfer, dass sie sich auf diese Weise selbst entlarven. Oder anders formuliert: sie setzen sich mit Anlauf nackt in die Nesseln – und zwar die fiesen Brennnesseln.

Man muss es so deutlich sagen: Sinnsprüche sind nichts weiter als der Ausdruck menschlicher Unfähigkeit, vielschichtige Sachverhalte in ihrer Gänze zu erfassen. Dabei ist dieses Unvermögen keine Schwäche. Es spiegelt lediglich die Komplexität menschlicher Interaktionen wider.

Selbstverständlich ist der Homo sapiens sapiens jedoch weit davon entfernt, diese Grenze zu akzeptieren. Dahinter steckt nicht weniger als der grundsätzlich nachvollziehbare Drang, unübersichtliche Sachlagen in verdauliche Häppchen zu zerlegen – Simplifizierung avanciert zum Allheilmittel. So wird ohne lange nachzudenken ein bestimmter Aspekt einer Problemstellung herausgegriffen, in vermeintlich schlaue Worte verpackt und anschließend als Gesamtlösung präsentiert. Gleichzeitig wird ein Allgemeingültigkeitsanspruch erhoben, der berechtigte Kritikpunkte einfach vom Tisch fegt.

Aber die derart beschnittene Realität lässt sich dies mitnichten gefallen. Sie pumpt sich in der Mucki-Bude auf, gräbt das Kriegsbeil aus und schlägt bei passender Gelegenheit erbarmungslos zu. Das Ergebnis: die in solchen geistigen Ergüssen Erleuchtung suchenden Heilsanwärter sitzen noch tiefer in einer braunen, übelriechenden und hygienisch bedenklichen Masse als vorher. Aber auch für diese Malaise lässt sich gewiss irgendwo der passende Sinnspruch finden.