Was ist passiert?
Frau Merkel äußerte sich in einem Zeitungsinterview („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ vom 03.06.2018) zu ihren Vorstellungen bezüglich einer Reform der Eurozone. Ebenjene Aussagen werden gemeinhin als Antwort auf Emmanuel Macrons Neugestaltungsideen gewertet, die dieser am 27. September 2017 in einer Rede an der Sorbonne in Paris zum Besten gab. Inhaltlich geht es unter anderem um
- die Einrichtung eines Europäischen Währungsfonds
- die Etablierung eines Gemeinschaftshaushalts für Investitionen in Krisenländern
- das Aufstellen einer europäischen Interventionsarmee
Was ist das Problem?
Unser aller Bundeskanzlerin wird unterstellt, ihre Replik käme
- zu spät, sei
- wenig visionär und
- inhaltsschwach
Was sagt man dazu?
1. Zugegeben, Angela Merkel hat geschlagene 250 Tage verstreichen lassen, bevor sie die goldenen Worte auf ihre Untertanen herabregnen ließ. Zu ihrer Verteidigung sei angemerkt, dass sie in den vergangenen Monaten wahrlich wichtigere Dinge zu tun hatte:
– sie musste das gesamte Repertoire an politischer Raffinesse aufbieten, um den ausgemergelten, störrischen SPD-Ochsen wieder vor den Regierungskarren zu spannen
– sie musste den Stolz der deutschen Industrie – die Automobilbranche – vor gierig-giftigen Klage-Trollen schützen.
– sie musste unentwegt die weltpolitische Bühne bespielen.
Da bleibt nicht viel Zeit, den Hinterhof zu kehren. Und außerdem: die Franzosen sollten sich besser nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Wir mussten schließlich auch jahrelang Geduld mit Bruder Lustig aufbringen, bis dieser seinen abgewirtschafteten Laden wieder halbwegs mit Liquidität ausgestattet hatte (die EU-Kommission beendet das Defizitverfahren gegen unsere geschätzten Nachbarn just dieser Tage – nach 9 Jahren)
2. Frau Merkel vorzuwerfen, sie sei nicht visionär, ist wie einem Blinden vorzuhalten, dass er nicht sehen kann. Punkt
3. Was heißt schon inhaltsschwach. Inhalte werden generell überschätzt und verderben einem nur allzu oft die gute Laune. Wer will sich schon mit ermüdenden Themen wie „Fiskalkapazität“ oder „Investivhaushalt“ auseinandersetzen, wenn er gleichzeitig auf einer Terrasse irgendwo in der Uckermark Cocktails schlürfen kann. Ganz abgesehen davon sind die notorischen Geldverbrennungsanlagen – aka EU-Südländer – sowieso nie zufriedenzustellen. Da ist es zweifelsohne erquickender, nur wenige konkrete Vorschläge zu machen und sich ansonsten in einen geradezu mystischen Nebel aus Vagheit zu hüllen.
Fazit?
Alles in allem hat unsere Bundeskanzlerin also einen entzückenden Job gemacht. Dank ihr geht es in dieser sanierungsbedürftigen Bude EU nun endlich wieder voran. Vive la Mutti…