Erro ergo sum, Teil 4

In diesem Zusammenhang ist auch ein weiterer Gesichtspunkt von Bedeutung. Es lässt sich nur bedingt leugnen, dass der materielle Aspekt von Abhängigkeit Kernelement eines sich selbst regulierenden Systems ist. Um den eigenen Wünschen nahekommend leben zu können, ist finanzieller Spielraum unabdingbar. Diesen Umstand nehmen zahlreiche Zeitgenossen zum Anlass, freiwillig in ein Abhängigkeitsverhältnis einzutreten – Arbeit. Lehrt uns doch das Einmal-Eins der Daseins-Banalitäten Folgendes: ohne Arbeit beschränkt sich die individuelle pekuniäre Grundausstattung in der Regel auf die staatliche Alimentierung. Persönlichem Lebensstandard und gesellschaftlicher Anerkennung bleibt in diesem Fall nichts anderes übrig, als wehmütig am Auspuff des vorbeifahrenden Lebens zu schnuppern.

Neben erheblichem Frustpotenzial gebiert diese Wahrheit aber auch eine thematische Veredelung. Sie zeigt auf, wie eng beide Spielformen menschlichen Gefangenseins im „Kerker Abhängigkeit“ miteinander verwoben sind. Menschen lechzen nach Geld und wert-äquivalenten Besitztümern, um ihre immateriellen Bedürfnisse, wie Ansehen und Geltung, zu befriedigen. Und ebenso lässt sich der Spieß umdrehen. Nicht selten stellt gesellschaftliches Prestige die Eintrittskarte in den Club der Gutsituierten dar. Elitäre Herkunft, Titel, ein gut vernetzter Freundes-, Bekannten- oder Kollegenkreis sowie höhere Weihen versprechen noch immer einen Platz an den Honigtöpfen – selbst bei originär finanzieller Unterbelichtung. So scheint es nicht verwunderlich, dass die Erdenbürger in den Wertschätzungs-Minen bis zur Erschöpfung nach Gold schürfen.

Anerkennung streichelt schlussendlich aber nicht nur sanft des Menschen Ego, oder führt ihn zu monetärer Krönung. Sie ist vielmehr die belangreichste Energiequelle unseres Lebensmotors. Versiegt sie, beginnt die Maschine zu stottern oder gibt den Geist auf. Weniger metaphorisch formuliert: wird sie uns durch Gesellschaft und soziales Umfeld vorenthalten, entwickelt sich mit der Zeit Unmut, der über Verbitterung mitunter in Hass gegen alles und jeden umschlägt. Gleichsam parasitär, ernähren sich Horden arglistiger, politisch-extremistischer und /oder religiös-fanatischer Rattenfänger von diesem Hass. Sie säen Hochachtung sowie Respekt und ernten dafür ihren maliziösen Absichten dienende Loyalität – Loyalität bis an die Grenzen der Selbstaufgabe. Wer in einer Wüste zu verdursten droht, vergilt es jenem tausendfach, der ihm den Weg zur nächsten Oase weist.

Dies gilt für alle. Selbst sogenannte „Freigeister“, die sich und der Welt vorgaukeln, sie bedürften keines Menschenlobs, sind mitnichten befreit vom Streben danach. Ihnen gereicht zur Quelle für Selbstbestätigung, dass andere sie ob ihrer vorgeblichen Unabhängigkeit von allen menschlich-banalen Motiven bewundern. Natürlich würden sie dies niemals zugeben können, weil im selben Moment ihr komplexes Selbsttäuschungs-Konstrukt schneller kollabierte, als ein Kartenhaus im Sturm.

Fortsetzung folgt…